10 Stunden und 16 Minuten wurden zum längsten Tag

von Nikolas Phlipsen

Nach 10 Stunden, 16 Minuten und 25 Sekunden hatte ich mein Ziel erreicht.

Einerseits war es einer der glücklichsten Tage in meinem bisherigen Leben, andererseits einer der schweißtreibendsten. Meine Beine waren schwer wie Blei, meine Füße mit Blasen überseht, der ganze Körper schmerzte, aber ich war glücklich-, denn dieses Gefühl des Zieleinlaufes konnte mir keiner mehr nehmen. Ich hatte meinen ersten Ironman erfolgreich überstanden und war stolz auf meine Leistung.

Mein erster Ironman

Warum sich Menschen über eine Strecke von 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42 km Laufen quälen, kann man wohl nur nachvollziehen, wenn man es selbst erlebt hat. All die Strapazen, die tägliche Schinderei, Kilometer für Kilometer, Stunde um Stunde, Tag für Tag, manchmal ein wahrer Horrortrip, aber dann die Belohnung – der Lauf über die Ziellinie. Es fiel eine riesige Last von meinen Schultern und die harte Vorbereitung machte einen Sinn. Dieses Glücksgefühl im Zielraum, begleitete mich allerdings nicht während der gesamten Strecke des Ironmans in Österreich.

Der erste Tag in der Landeshauptstadt Kärntens versprach nichts Gutes – es regnete Bindfäden, war stürmisch und kalt. So hatte ich mir meinen ersten Ironman nicht vorgestellt. Gott sei Dank waren es noch einige Tage bis zum Start, was auf besseres Wetter hoffen ließ. Direkt am nächsten Morgen wurde ich von der Sonne geweckt. Am Vormittag schaute ich mir das Expo-Gelände, welches Start- und Zielraum des Ironmans war, an und traf mich mit meinen Vereinskollegen des ASV Duisburg. Als ich die Strecke betrachtete, ging mein Puls allmählich hoch, eine innere Unruhe und Neugier auf das Kommende machte sich in mir breit. Aber ich musste noch warten, bis es endlich losging. Die letzten Tage vor dem großen Ereignis vertrieben sich meine Kollegen und ich mit den schönen Dingen des Lebens. Wir gingen essen und beobachteten die Schar an Triathleten, die Stunde um Stunde größer wurde und chillten den Rest des Tages. Es war die Ruhe vor dem Sturm!

Gutes Omen oder ein Fluch

Wie es der Zufall wollte, fand ich kurz vor dem Rennen den lange gesuchten Lenker, der perfekt zu meinem Fahrrad passte. Den musste ich einfach haben, wobei mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, ob dies ein gutes Omen oder ein Fluch war. Von einigen Freunden erntete ich nur ein müdes Kopfschütteln. Es ist so, als wenn man sich neue Schuhe vor einem Marathon zulegt und diese nur einmal ausprobiert - ein hohes Risiko, bei dem man Schiffbruch erleiden kann. Im Vorfeld hatte ich 8.500 km auf meinem Bike verbracht. Der Trainingsaufwand sollte sich lohnen.

3,8 Kilometer Schwimmen

Um 4.00 Uhr klingelte mein Wecker. Die Vorfreude war riesig und die Nervosität ließ noch auf sich warten. Ich packte meine Sachen zusammen, fuhr zum Expo-Gelände und sah eine Menge von besessenen Sportlern, die ihre Räder kontrollierten und teilweise in Hektik verfielen. Am Vortag hatten bereits alle Triathleten eingecheckt. Ich schaute, ob mein Beutel mit den notwendigen Utensilien noch am richtigen Haken hing, überprüfte mein Bike und machte mich so langsam auf zum Start. Vorher zwängte ich mich in den engen Neoprenanzug, cremte mich besonders im Nackenbereich gegen Sonnenbrand und Scheuerwunden ein und stellte fest, dass ich spät dran war. Die 2.400 Sportler tummelten sich b¬reits im Wasser und ich konnte meine Kollegen vom ASV nicht sichten. Vor dem Start gab es noch einige Informationen über den Ablauf des Ironman, die ich über den riesigen Lautsprecher verfolgte und dann fiel auch schon der Startschuss. Überall um mich herum waren Arme und Beine und meine Gedanken kreisten noch wild durcheinander – so, dass ich etwas spät aus den Startlöchern kam. Dann fasste ich mir ein Herz, schwamm los und versuchte in dem Gewühl ohne großartige Blessuren vorwärts zu kommen. So langsam fand ich meinen Rhythmus und die 3,8 km gingen recht schnell vorbei. Natürlich bekam ich den ein- oder anderen Tritt und Schlag mit, denn besonders der letzte Kilometer führte durch einen schmalen Kanal. Nach dem Ausstieg aus dem kühlen Nass, lief ich zu meinem, an einem Haken platzierten Beutel, zog meine Schuhe an und schwang mich auf mein Bike. Ich nahm das erste Gel zu mir, da die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme einen wichtigen Teil eines Triathlons darstellt. Wenn man erst einen Hungerast bekommt, fällt man von jetzt auf gleich in ein tiefes Loch. Es ist so, als würden einem die Beine unter den Füssen weggezogen.

180 Kilometer Vollgas auf dem Rad

Die ersten Kilometer auf dem Fahrrad ging ich langsam an. Erstens hatte ich mir die Strecke vorher nicht angeschaut und wusste nicht, was mich erwartet und zweitens sollte sich sehr schnell herausstellen, ob der neue Lenker ein Glücksgriff war. Der erste Abschnitt führte mich und die 2.400 anderen Teilnehmer vorbei am Wörthersee. Anfangs war die Strecke ohne großartige Steigung, was sich allerdings sehr schnell änderte. In Österreich gibt es halt doch einige Berge mehr als im schönen Ruhrtal. Von der Umgebung bekam ich nicht viel mit, sondern konzentrierte mich ganz auf mein Rennen – ich hielt meinen Puls im Auge, der nicht über 170 ansteigen sollte und nahm regelmäßige Nahrung zu mir. Die Angst vor dem Hungerast begleitete mich über das ganze Rennen, was sich als positiv heraus¬stellte. Einige Teilnehmer hatten diesen unterschätzt und waren der Hitze und zu wenig Flüssigkeit- und Nahrungsaufnahme zum Opfer gefallen. Nach der ersten Runde und genau 90 km schnappte ich mir an einem Verpflegungsstand die nötige Flüssigkeit und nahm etwas Gel zu mir. Alles lief wie am Schnürchen und ich konnte die zweite Runde in Ruhe angehen. Am nächsten Verpflegungsstand bekam ich keine Flasche und musste somit ein wenig Fahrt rausnehmen. Der Rhythmus war fürs Erste hin. Kurze Zeit später beschleunigte ich bei einer Abfahrt auf 70 km und bekam einen riesigen Schrecken, als ich ein seltsames Geräusch am Vorderrad wahrnahm – oh, nein ein Platten. Meine Vermutung bewahrheitete sich Gott sei Dank nicht und ich konnte nach einem kurzen Stopp das Rennen fortsetzen. Es hatte sich lediglich ein Aufkleber in den Speichen festgesetzt, der mich gute fünf Minuten kostete. Nachdem ich die zweite Runde ansonsten souverän überstanden hatte, ging es in die Wechselzone.

Zu guter Letzt noch ein Marathon

Ein Helfer nahm mir das Rad ab, ich schnappte mir meinen Beutel mit den Laufschuhen und los ging es auf die letzten 42 km. Ich ging den Marathon langsam an – erstens zeigten die 180 km Radfahren ihre Spuren und zweitens wurde es von Minute zu Minute heißer, ich fühlte mich wie in der Sauna und leider nur wenige Duschen verfügbar. Allmählich fragte ich mich, wie es meinem Teamkollegen, allen voran Thorsten Dommeyer erging -, der nicht wie ich ein Frischling war, sondern seinen 13. Ironman absolvierte. Bei einer Marathon-Bestzeit von 2:38 Stunden sollte er mich schnell einholen. Beim letzten Wendepunkt entdeckte ich Thorsten, der nicht gut aussah und dem ich einige Meter voraus war. Wie sich herausstellte, hatte mein Trainingskollege Magenprobleme und schleppte sich trotzdem durchs Rennen. Die letzten drei Kilometer vor dem Ziel wurden die Anfeuerungsrufe der Zuschauer immer lauter und trugen mich förmlich bis in die letzte Kurve. Das Adrenalin stieg in mir hoch, am ganzen Körper bekam ich Gänsehaut und nach zehn Stunden und 16 Minuten hatte ich meinen ersten Ironman geschafft. Ich war ein Finisher. Fünf Minuten später kam mein Kumpel Thorsten ins Ziel, der den Ironman trotz reichlicher Pannen überstanden hatte. Meine beste Entscheidung war es nach reichlichem Essen und Trinken eine Massage in Anspruch zu nehmen. Danach traf ich in einem Zelt alle Kollegen vom ASV Duisburg wieder. Es wurde viel geplauscht und ich konnte sagen. Ich hatte viel zu erzählen, da ich der einzige Frischling der Truppe war. Die 10 Stunden, 16 Minuten und 21 Sekunden waren nicht nur mein längster Sport-Tag, sondern auch der Glücklichste. Alle Strapazen der letzten Mo¬nate und Jahre haben sich gelohnt.

Der nächste Ironman ist bereits in Planung.